Der Geschmack von Avocadokernen

2017-03-24 12.59.31Auftritt Autorin.

Eigentlich wollte ich einen Text über Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ schreiben (wie witzig wäre dieser Satz ohne die Gänsefüße?), aber Youtube hat mich gerade mit einem Video in seinem Bann. Ich prokrastiniere und dann, irgendwann, geht mir ein Licht auf. Meine Schoßgebete wurden erhört. Charlotte Roches Erstling und das Werbevideo für den „Squatty Potty“, das meinen Bildschirm besetzt hält, haben einiges gemeinsam.

Ein Babyeinhorn mit Funkelkulleraugen sitzt auf einer Toilette und quält sich, nur Bröckchen verlassen sein Gesäß. Dann, endlich, kommt ein Prinz und schiebt einen kleinen Hocker, den „Squatty Potty“, unter die Einhornfüße. Ein erleichtertes Lächeln macht sich breit, denn durch die neu eingenommene, kauernde Haltung verlässt ein regenbogenfarbener Strahl fluffigster Eiscreme den Körper des zuckersüßen Tierchens, um sogleich von gierigen Kinderschlündern unter Kleckern und Schmatzen verschlungen zu werden. So wie Softeis nie wieder so unschuldig schmecken wird wie vor dem Sehen dieses (genialen!) Werbespots, so kommt jede Avocado, egal ob mit „Hass“- oder „Eat me“- Aufkleber, seit Roches Roman etwas anrüchig daher.

Avocados sind das Superfood, sie sind überall. Kleidungsketten drucken sie auf Socken, die modisch-süßen Feministenmädchen (quasi Nachkommen von Charlotte) aus meinem Instagramfeed fotografieren sie als Guacamole oder auf Schwarzbrot, #startyourdayright. Und immer wieder findet sich dort auch ein Bild eines Avocadokerns, der so langsam einen kleinen Spross ausbildet. Dieser wächst nicht einfach so, er will gehegt und gepflegt werden, um eines Tages ein fruchtbares Pflänzchen zu werden, #avocadoliebe. Vor acht Jahren hat Roche, das Mädchen für alles, diesen Trend bereits vorausgesehen. Bei 220 Seiten über ungewaschene Muschi, Arsch und Kackageruch (Link zum Einhorn) scheiden (haha) sich die Geister. Das Feuilleton zeigt sichratlos oder zur Sicherheit auch mal begeistert, schließlich ist Roche eine Tabubruchikone potenzieller Leserscharen. Gelernt habe ich persönlich besonders, dass Avocadokerne gern feucht gehalten werden und beim richtigen Anbringen sogar die Vaginalmuskulatur trainieren.

Charlie, Kackieinhorn, ich möchte euch an dieser Stelle danken. Ihr habt mein Leben verändert. Ich darf über Scheiße schreiben, meine Liebe zu Topfpflanzen öffentlich machen, ohne als reaktionär zu gelten, und endlich ist es auch Mädchen gestattet, sich wie Maden im Dreck suhlen, toll, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Herz, Herz, Avocadoemoji. Um mit den Worten von Prince Charming zu schließen: „Pooping will never be the same. And neither will icecream.“

Die Autorin tritt ab, um ihr Achselhaar zu sortieren. Selbstverständlich in der Hocke.

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1 Comment

  1. Liebe Anna,
    da ist Dir eine amüsante Avocado-Assoziationsekstase gelungen! *gg*
    Unter der sinnigen Überschrift »HIMMEL, ARSCH UND ZWIRN!«
    habe ich einst einen sehr LUSTigen und POlemischen Verriß der Feuchtgebiete geschrieben.
    Wenn Du gerne Leselachen magst, hier folgt der Link zur Rezension:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/feuchtgebiete/
    Und ich habe rein gar nichts gegen Avocados, aber auf prominente Tabubrechmittel reagiere ich hochallergisch! 😉
    Auf Wiederlesen!
    Ulrike von Leselebenszeichen

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