Zu weit gefahren / wouldn’t it be nice.

Im letzten Moment entdeckt er den Fleck an seinem Jackett. In einer Viertelstunde fährt der Zug. Heute wollte er mal positiv oder vielleicht auch gar nicht auffallen. Verschwitzt ankommen, Schlieren am Lederschuh, Nest am Hinterkopf, nicht heute, bitte. Und dann noch dieser Fleck. Wenn wenigstens Spucke helfen würde. Im Zug dann, im Zug. Am Automaten schlängelt sich die halbe Stadt. Willste mit auf unser Ticket? Nein. Leider nein, heute geht’s aufs Land.
Große Häuser, kleinere, keine mehr. Ein wenig Grün, ein bisschen Grau, auf den Ohren Wouldn’t it be nice if we were older? Then we wouldn’t have to wait so long. And wouldn’t it be nice to live together. In the kind of world where we belong. Wäre es.
Einfach nicht aussteigen, nicht an den Schienen warten, bis der Zug wieder nach Hause darf, nicht vorbei an der Jägerapotheke, nicht am Dorfplatz mit der kleinen Statue, nicht die Treppen zum Kirchhof hinauf, kein Händeschütteln, kein Warten, kein Zurechtgerücktwerden, keine Sahnetorte, keine roten Köpfe, wäre es nicht schön.
Er steigt nicht aus, heute nicht. Nicht mit dem Fleck, nicht mit dem Schweiß. Nur zwei Stationen weiter wachsen die Häuser wieder, die Gärtchen schrumpfen und dann ist da zwei Sekunden einfach nur Blau. Beruhigendes, brausendes Blau. Da hin, genau da.
Wasser tropft auf den Kopf des kleinen Mädchens, dessen Gesicht sofort zerknüllt. Der Tüll kratzt an ihr, fremde, hektische Hände heben sie empor. Die Orgel setzt ein, mit ihr die Gemeinde. Als hätten sie das Weinen der Kleinen auf lautlos gestellt.
Sein Telefon ist aus. Seine Mutter hat verzweifelt ein Zwiegespräch mit einer O2-Dame geführt, aber ihren Sohn erreicht sie schon lange nicht mehr. Er hört nur das Rauschen. Das schlechte Gewissen nagt und kratzt, sein Magen brodelt leicht beim Gedanken an feuchte Kirchenluft und Brandy aus kleinen Schwenkern. Er lässt sich fallen. Weich. Die Ministeinchen rieseln durch seine Hände. Zeit. Vor vier Wochen kam die Einladung, die ihm seitdem bei jedem Blick in den Kühlschrank in die Seite geboxt hat. Landgasthof, Feierlichkeit, Beisammensein. Au. Er kann sie sehen, wie sie aufstehen, sich sammeln, Umschläge zücken, hohohaha.
Als er aufwacht, ist das Fest vorbei und die Besucher wieder richtig in ihre Kleingrüppchen sortiert. Auch er will zurück in sein eigenes Quadrat. Niemand steigt zu. Am Jacket sind drei neue Flecken. You know it seems the more we talk about it. It only makes it worse to live without it. But let’s talk about it. Wouldn’t it be nice?

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