Die Uhr tickt – Christoph Ransmayr im Porträt

„Wenn man auf eine Statistik blickt, macht es wehmütig, wie viel Zeit noch bleibt und wie viel schon hinter einem liegt“, so Christoph Ransmayr im Magazin „Druckfrisch“. Der österreichische Schriftsteller ist heute 63 Jahre alt. Seinen ersten Roman schrieb er mit nicht einmal 30 Jahren. Wäre Ransmayr nicht Ransmayr, könnte er in Anbetracht seines nicht mehr ganz jugendlichen Alters nun Texte verfassen, in denen er sehnsüchtig auf die Jugend blickt oder die eigene, mit den Jahren gesammelte Weisheit kundtut, wie es gelegentlich leicht ergrauten Schriftstellern in den Sinn kommt. Bei Ransmayr ticken die Uhren anders. Er bleibt seinem Stil treu, was bedeutet, in seinem neuesten Roman „Cox oder der Lauf der Zeit“, der Ende letzten Jahres im Fischer Verlag erschienen ist, lieber intelligent historische Momente neu zu komponieren, anstatt den Blick nur auf die eigene Uhr zu richten.

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Ähnlich wie Umberto Eco oder Christian Kracht, versteht es Ransmayr, die Wirklichkeit literarisch immer wieder um einen kleinen Tick zu verschieben, sodass seine Erzählungen nur ein bisschen zu kurios klingen, um sich real ereignet zu haben. So ließ Ransmayr den Dichter Ovid in „Die letzte Welt“ seine eigenen Manuskripte verbrennen und seinen Freund Cotta zusammen mit dem Figurenensemble der „Metamorphosen“ nach deren Überresten suchen. Anstatt jedoch mit diesem Stoff einen belehrenden historischen Roman zu verfassen, konfrontiert Ransmayr Echo und Pythagoras mit Bushaltestellen und Diaprojektoren des beginnenden 20. Jahrhunderts. Trockenes, in Stein gemeißeltes Material serviert Ransmayr in bekömmlichen Portionen, die dazu anregen, weitere Augenblicke mit der Mythologie der Antike zu verbringen, wenn die letzte Seite erreicht ist.

„Zeit ist das einzige auf der Welt ist, das nicht einmal um eine Nanosekunde zu vermehren ist“. Deshalb möchte Ransmayr auch seinen Lesern die Zeit, die diese seinen Romanen widmen, so angenehm wie möglich gestalten. Dafür hat Ransmayr beispielsweise im Jahr 2006 den fliegenden Satz für seinen Himalayaepos „Der fliegende Berg“ beim Fischer Verlag erstritten. Der Roman über zwei Brüder kleidet sich flatterhaft und etwas eigen im Gewand eines Gedichts, da Ransmayr keinen Lesefluss durch den Blocksatz bremsen will. „Und was für mich vergnüglich und erleichternd ist, das mute ich natürlich auch den Leuten zu, die mir zuhören oder die meine Geschichten lesen wollen.“

Ransmayr ist kein Schreibtischtäter. Er reist, um schreiben zu können. Der Schriftsteller, der sich selbst als „österreichischer Dörfler“ bezeichnet, recherchiert für eine Bergsteigergeschichte, indem er mit seinem Freund Reinhold Messner einen Gipfel erklimmt. Auf Reisen beschafft er sich sein Material und entgrenzt dieses durch seine Fantasie. So kann beim Verweilen in China die Idee entstehen, einen englischen Uhrmacher, der real existiert hat, auf einen chinesischen Kaiser, der real existiert hat, treffen zu lassen, was real nicht passiert ist. Ransmayr sieht sich nicht als Kosmopolit, sondern als Tourist, was bei ihm nicht negativ konnotiert ist. Der Schriftsteller weiß, wo er hingehört, was ihm wiederum erst ermöglicht, eben dort gedanklich oder mit leichtem Gepäck auszubrechen.

Muss nun aber zwangsläufig im Alter auch die Zeit zum Thema werden? Maxim Biller unterstellte Ransmayr im „Literarischen Quartett“ Anfang Dezember 2016, nun ein alter Mann zu sein und auch wie ein alternder Mann zu schreiben. Was Biller wohl etwas polemisch verrät, ist, dass Ransmayr in seinen literarischen Zeitreisen auch die Sprache altern lässt. Ein weiteres Detail, dass die Recherche und Detailverliebtheit, die in Ransmayrs Romanen steckt, verrät. Wenn in „Cox oder der Lauf der Zeit“ nun doch etwas zu viele verkitschte Adjektive und Superlative gelandet sind, spiegelt sich dort wahrscheinlich einfach das geballte Glück des Autors selbst wider. „Die Erfahrung, besonders die auf Reisen, bietet eine solche Fülle an Bildern, von Tönen, von Gedanken, von Eindrücken, die man vielleicht früher so nicht erschließen konnte. Ich muss sagen, dass ich im letzten Viertel meines bisherigen Lebens mehr Glücksmomente erlebt habe als in den drei Vierteln davor.“

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