Auf eine Zwiebel mit Günter Grass

Zwei Jahre nach dem Tod von Günter Grass wird es Zeit, den gemütlichen Mantel des Nachrufs abzustreifen, um mit etwas Abstand erneut den Blick auf Grass‘ als Gedicht gekleidete Israelkritik ,,Was gesagt werden muss“ zu werfen.

Günter Grass liest einen Text. Ernst wirkt der Großschriftsteller im Einspieler zu Maybrit Illners Talkrunde im April 2012. So ernst, dass er beim Sagen von „was gesagt werden muss“ vergisst, seine eigenen Versgrenzen zu beachten. Israel sei eine gefährliche Atommacht, so Grass aka das lyrische Ich. Wer das Land jedoch kritisiere, werde schnell als Antisemit betitelt, besonders natürlich, wenn die Botschaft von deutschem Boden komme. Grass jedoch lässt sich von seinen eigenen Thesen nicht einschüchtern und formuliert „alternd und mit letzter Tinte“ ebenjene Kritik. Wovon und für wen spricht die nur wenige Jahre zuvor rechts angeschleimte, einstige Stimme der deutschen Öffentlichkeit?

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Günter Grass liebt Abrechnungen, Aufzählungen und effektvolle Enthüllungen. „Mein Jahrhundert“ nannte der Autor das 20. und widmete jedem Jahr ein eigenes Kapitel. In jenem 20. Jahrhundert erhielt er den Literaturnobelpreis, machte sich einen Namen als relevanter politischer Autor und unterstützte, auch nach seinem dramatischen Austritt 1992, die SPD samt seines Weggefährten Willy Brandt. Plötzlich kam das 21. Jahrhundert. Und dann? Wissend, dass dies nicht auch noch seins sein konnte, griff Grass zu härteren Mitteln und schnitt sich vermeintlich ins eigene Fleisch. 2006, just vor Erscheinen seines autobiografischen Textes Beim Häuten der Zwiebel zeigte Grass Flagge: „Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich.“ Mitglied der Waffen-SS! Grass! Oh Gott! Er hatte es geschafft. Sein Lieblingsthema, das Brechen des Schweigens, beförderte ihn mal wieder ins Rampenlicht und sein Buch zum Bestseller. Skandale wirken gegen das Vergessen, so scheinbar der Grasssche Merksatz. „Es war wohl damit zu rechnen, dass es zu einer Debatte kommt. Ich hatte es sogar gehofft, denn es muss endlich mal zur Sprache kommen“, so wiederum Grass im Nachgang zu seinem Israelexkurs. Auch wenn seine Marketingstrategie den Wirkmechanismen des 21. Jahrhunderts zu entsprechen scheint, ist der eine oder andere Kritiker innerhalb der von Grass so sehr gewünschten Debatte versucht, dem Autor gehörig eine zu zwiebeln.

Und wer lauscht den Worten des weisen Greises wohlwollend? Der damalige NPD-Abgeordnete des sächsischen Landtags, Jürgen Gansel, dankte Grass im Namen seiner Partei. Endlich habe der Autor die richtige Seite gefunden und nehme es nicht länger hin, „dass mit dem Totschlag-Vorwurf des ‚Antisemitismus‘ jede Kritik am Aggressions- und Apartheidsstaat Israel unterdrückt wird“. Grass‘ Glanzgedicht, das beispielsweise als Autorenlesung bei Youtube zur Verfügung steht, ist wie jeder annähernd kontroverse Beitrag im WWW mit Kommentaren unterschiedlichster Couleur dekoriert. Grass wird verteufelt, glorifiziert, gedankt. Immer wieder finden dabei auch Stimmen, die Zionisten beschimpfen oder eindeutige Avatarsymbole verwenden, ihren Weg zu Grass. 2014 umgeisterte dann mit „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ eine Abwandlung des Gedichttitels den sehr deutschen Volkswirt Thilo Sarrazin. Etwas später gesellte sich noch Pegida hinzu. Diesen Club wollte Grass nicht. Er suchte nur ein bisschen Aufmerksamkeit, um auf sich selbst oder vielleicht auch ein Problem der freien Meinungsäußerung hinzuweisen. Moment, welches Problem?

Laut Marcel Reich-Ranicki ist Was gesagt werden muss nicht wirklich ein Gedicht, auf jeden Fall kein gelungenes, eventuell allerhöchstens ein ekliges. Wenn die Form schon nicht stimmt, bietet vielleicht der Inhalt eine Erklärung für unsere Ausgangsfrage (zur Erinnerung: wozudasallesundwerwilldas?). Reich-Ranicki weist darauf hin, dass Grass in seinem Text eine Mission sah, die er erfolgreich abschließen konnte: „Wenn man die Juden attackiert, kann man damit allerhand erreichen. Und in der Tat haben beide, er und Walser, viel erreicht.“ Denn, die Israelkritik des Literaten ist weit gereist, sogar der israelische Staatschef Benjamin Netanjahu selbst hat den Text gelesen. Ein Faktencheck muss her – durfte man Israel in der Prä-was-gesagt-werden-muss-Ära wirklich nicht kritisieren? Schon ein Blick gen Zeit Online ergibt, dass es das Leid der Palästinenser unter der israelischen Siedlungspolitik wenige Monate vor der Gedichtdebatte sogar auf das Titelblatt der Printausgabe schaffte, selbst von der atomaren Kraft Israels ist die Rede. Auch hier lässt sich somit vorerst keine für Günter Grass günstige Antwort finden.

Manch ein Text wird wohl einfach geschrieben, um neue Fragen aufzuwerfen, auch wenn diese nicht immer das fruchtbarste Diskursfutter geben oder gar den Kern der Zwiebel treffen. Für heute ist dies auch meine letzte Tinte.

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