Tom Kummers „Nina & Tom“ – ein Grenzgang zwischen Kunst & Alltag

Eine Kunststudentenparty in Neukölln. Ein Pärchen betritt fernab von jedem Fußballevent in Deutschlandtrikots, mit Billigdosenbier in den Händen und Brustbeuteln um den Hals die im genau richtigen Maße abgeranzte Wohnung. Der Mittelpunkt gehört ihnen. Sie haben einen Tag des offensiven Grölens in Berlin-Mitte hinter sich und verraten mir, dass sie morgen vielleicht 90er-Technofans mit Igelfrisuren oder Metalheads sein werden. Eine Performance, ein Leben als Kunstform. Ähm, und wer seid ihr wirklich? Nina und Tom?

Nina liebt Tom. Tom liebt Nina. Nina schlägt Tom. Tom schlägt Nina. Irgendwo zwischen Romantik, Genie und Wahnsinn spielt sich die Liebes- und gemeinsame Lebensgeschichte der beiden Figuren ab, die ihre Namen von Autor Tom Kummer und seiner inzwischen verstorbenen Frau Nina entliehen haben. Zu dieser sehr grundlegenden Plotinformation fehlt noch der Stempel „Roman“, das präsentische Erzählen und die einfache, mit Vorliebe derbe und parataktische Sprache, um Nina & Tom neben Joachim Bessing und Lottmann oder Benjamin von Stuckrad-Barre  zwischen Popliteraten und Autofiktionshelden ins heimische Bücherregal einzusortieren.

Nina & Tom
Nina & Tom ist auch als eBook erhältlich. Das Cover ziert auch hier ein Foto aus Tom Kummers Privatbestand, das ihn und vielleicht auch Nina zeigt.

Tom Kummer treibt das Spielchen nur noch ein kleines bisschen weiter, denn nicht einmal mehr seine Figuren sind sich sicher, dass sie die sind, die sie vorgeben zu sein. „Wir sind zu abstrakten Zeichen geworden, alles fühlt sich künstlich an. Wir sind wie erfunden.“ Vielleicht offenbart uns Kummer aber an dieser Stelle auch nur, was für eine Macht er selbst über seinen Text, seine fiktionalisierte Autobiographie hat. Er konstruiert, kombiniert und selektiert, so wie es sich für einen Borderline-Journalisten, als der er sich keinen guten, aber immerhin einen Namen gemacht hat, gehört. „Ich inszeniere Geschichten, die wie Wahrheit klingen“, sagt die Tom-Figur übereinstimmend mit Autor Kummer. Diese Geschichte lässt Nina dahinsiechend Windeln und Reizwäsche tragen, vielerlei Substanzen konsumieren und schließlich sterben. Tom ist in ihrem Bann, macht alles mit.

Dramatisch soll es sein, wenn Tom nach der Vagina seiner halb toten Frau lechzt, schockierend, wenn das Paar sich gegenseitig würgt und dabei sexuelle Höchstleistungen vollbringt. Schön ist das, vor allem sprachlich, nicht. Aber vielleicht erquickt auch den einen oder anderen Leser ein „ich erkenne schönes, glattes Frauenfleisch“ oder ein „mein Schwanz steht im spitzen Winkel hoch“. Zum Glück hat Tom zumindest einen Nachnamen, der ihn zu einer traurig lächelnden Wortkreation wie dem Kummer-Bett, dem Ort, an dem Nina ihre letzten Stunden zubringt, führt.

Ohne an dieser Stelle in die Plagiatsdebatte um Kummer einstimmen zu wollen, wirkt doch jeder zweite Abschnitt ein kleines bisschen zu bekannt. Die Morgensonne spiegelt sich in Fensterfronten, die Freeways von L.A. versprechen Freiheit und die Menschen von Beverly Hills sehen entweder nach Pornostars aus oder sind verdrogte Gangmitglieder, auch gern beides. Weil diese Collage aber so schön gepuzzelt ist, dass sie im Ganzen tatsächlich etwas Neues, einen Roman ergibt, lässt sich Kummer hier eher lobpreisen als verteufeln. Das gekonnte Sampling führt Lesende geistig noch einmal durch lange zurückliegende Lektüren und erinnert daran, dass nahezu alles schon einmal gedacht oder geschrieben wurde. Vielleicht nutzt ein Christian Kracht nur weniger verbreitete Inspirationsquellen.

Wenn all dies verständlicherweise eher abschreckt als einlädt, sei als lektüreanregendes Argument zuletzt noch Nina selbst angebracht. Sie wird von Erzähler-Tom mehrere Jahrzehnte lang geliebt, aber nie richtig verstanden. Wie auch die beiden Neuköllner Vollzeitperformer, die ich auf der Kunststudentenparty traf, könnte sie schon morgen aussehen wie eine Altonaer Yogamama, nachdem sie gerade eine Woche als Lederdomina oder Tomboy zu erleben war. Jenseits von sexueller Härte und sprachlichen Barrieren liest sich die Bewunderung für dieses menschliche Wesen eigentlich ganz schön.

Nina und Tom ist im März 2017 bei Blumenbar erschienen, zählt 256 Seiten und ist für 20 Euro zu erstehen.

Über die Plagiatsaffäre hat die liebe Mia von Paper and Poetry einen sehr zu empfehlenden Beitrag verfasst.

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