Mazda Adli sucht in „Stress and the City“ nach gesunden Städte(r)n

Es ist schon 23 Uhr. Um halb 8 klingelt der Wecker. Von oben ist wieder das Dröhnen zu hören. War das Frank Plasbergs Stimme? Um 7 Uhr morgens wacht dann auch noch vor mir ein Presslufthammer auf – Lärm ist einer von vielen Faktoren, die das Leben in Städten für viele Menschen zu einem Ärgernis oder sogar gesundheitlichen Risikofaktor werden lassen.

Der Berliner Psychiater und Stressforscher Mazda Adli sucht in Stress and the City nach Möglichkeiten, Städte gesünder für ihre Bewohner zu machen. Seiner Profession entsprechend fokussiert er sich dabei nicht nur auf besondere Bauweisen, sondern vor allem auf den Menschen selbst. Adlis Erfahrungen in der interdisziplinär arbeitenden Gruppe für Neurourbanistik, die er mitbegründet hat, zeigen, dass kleine Verhaltensübungen bereits vielerlei alltägliche Belastungen lindern können.

Mazda Adli Stress and the City
Trotz allem hat Mazda Adli ein Plädoyer für das Leben in Städten verfasst.

Am Beispiel des „territorialen Stresses“, den der fernsehende Nachbar oder die lärmende Baustelle auslösen können, hilft schon das Wissen darüber, was genau warum vor sich geht. Die Bewertung von Lärm als nützlich oder verständlich wirkt sich laut Adli direkt auf das Stressempfinden aus. In meinem Fall hört der Herr von oben etwas schlecht und so gönne ich ihm seine lautstarke Unterhaltung. Die Baustelle vor dem Haus wiederum sorgt für eine fließende Wasserversorgung – das ist in meinem Interesse.

Neben praktischen Kniffen dieser Art finden sich in Stress and the City bekömmliche Fragmente aus Architektur, Soziologie oder Psychologie sowie Schlaglichter aus Adlis Biografie. Jener ist in Köln geboren, hat jedoch als Kind die Islamische Revolution in Teheran miterlebt, bevor er mit seinen Eltern, einem Botschafterehepaar, zurück nach Deutschland kam. Der Autor unterliegt dabei nicht der Versuchung, seine Stadteindrücke generalisieren zu wollen, sondern eröffnet mit seiner persönlichen Wahrnehmung einen weiteren Zugang zum Gegenstand Stadt. Ebenso unterhaltsam lesen sich auch die Passagen, in denen Adli die Umstände seines Schreibens schildert – mal von Palmen umgeben in Sri Lanka, mal eingekerkert in eine Bibliothek.

Wenn eine Passage so intensiv auf diverse Botenstoffe im Gehirn eingeht, dass der eine oder andere Leser verlorengehen könnte, folgt sodann eine Illustration von Florian Dengler. Ein überlaufener Gehweg, Dachterrassenromantik oder die Kurve der Qual der Wahl – mit allem weiß der Berliner das Auge zu erfreuen. Letztere zeigt auf, dass die Vielzahl an Möglichkeiten, die Städte mit sich bringen, Menschen ab einem Angebot von 10 Optionen unzufriedener werden lassen. Adli ermutigt vor allem dazu, bei einer Entscheidung, z.B. für eine Freizeitaktivität oder ein Restaurant, zu bleiben, anstatt sich stets die alternativen Ausgänge einer Situation vor Augen zu halten. Auch hier ist wieder der Einzelne gefragt, seine Denkweise an die Stadt anzupassen statt anders herum.

Komplettiert wird das Buchprojekt von Kurzinterviews mit Experten der Stadtforschung. Neben Soziologiegröße Richard Sennett kommt der Architekt Jürgen Mayer zu Wort, welcher der Neurourbanistik ganz nebenbei einen logischen Überbau verleiht: „Der Beruf [des Architekten] ist dem Arztberuf vielleicht relativ ähnlich, weil man als Architekt natürlich auch diagnostiziert. Man recherchiert, fragt, wo liegen die Schmerzpunkte einer Stadt, und versucht dementsprechend Interventionen zu finden.“ Jene Schmerzpunkte des öffentlichen Stadtraums sind laut Adli fehlende Grünflächen, Autoverkehr im Übermaß und vor allem Menschen, die dem Kern einer Stadt, unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Begegnungen, aus dem Weg gehen.

Stress and the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind ist im Mai 2017 bei C.Bertelsmann erschienen, erstreckt sich über 383 Seiten und ist für 19,99 Euro zu erstehen.

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