Emma Braslavsky entzaubert in „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ das Paradies

Roana sitzt in Argentinien auf einem Vulkan und langweilt sich. Erleuchtung sollte ihr der Aufenthalt am Ojos del Salado bringen, stattdessen findet sie Steine. Jivan, der Einfachheit halber auch Ivan genannt, sitzt in einem Dönerladen in Berlin und wartet auf den nächsten Bauauftrag, stattdessen darf er auch heute wieder anschreiben.

Roana ist jung, liebt Borges, will die Welt verändern. Jivan hat durch ein paar Jahre mehr auf der Welt schon einige Illusionen verloren, sucht sein Glück im Spiel und träumt davon, mit Bunkersystemen die Finanzwelt zu unterwandern. Was eint diese beiden, außer dem spanischen Namen? Emma Braslavsky katapultiert sie in die, vielleicht nicht ganz so weit entfernte, Zukunft und lässt jedem von ihnen einen eigenen Erzählstrang zukommen. Ob sich diese irgendwann kreuzen, ist erst einmal gar nicht so wichtig. Spannend angelegt sind sie beide.

emma braslavsky leben ist keine art
Lesen ist eine Art, mit diesem Buch umzugehen.

Neben Roana und Jivan bevölkern so viele Figuren Braslavskys Roman, dass ihm ein Personenregister vorangestellt ist. Menschliche Gorillas, Organisatoren einer neuen oder besseren Welt und ein Amateurspiderman tauchen darin auf. Sie alle kämpfen auf ihre Art mit den Bedingungen ihrer Umwelt, als N-Global, ein Nachrichtenportal, vielleicht auch das einzige, das noch existiert, die Sichtung einer noch unberührten Insel meldet.

 

Felsen- und Sandzonen gehen ineinander über, in den Pinien und Palmen sitzen Vögel und schauen ungestört in die Brandung. ‚Bitte schön, hier ist eure neue Welt. Dort könnt ihr uns zeigen, wie man besser lebt.‘



Schon kurze Zeit später ist die Insel von Flotten umzingelt, kein Staat gönnt dem anderen den Schritt ins Paradies. Ein etwas eigensinniges Forscherehepaar entwickelt derweil aus Menschenhaar Eizellen und Spermien, um dem neuen Land einen perfekten Menschen zur Seite zu stellen.

Vielleicht liest sich das alles etwas abstrus, etwas radikal, aber Leben ist nun mal keine Art, mit einem Tier umzugehen. Jenen Titel leiht sich Braslavsky von Kurt Vonnegut bzw. dem Grabstein seiner Figur Kilgore Trout, den Vonnegut in Anbetracht des Wissens um die Wiederwahl von George W. Bush aus dem Leben scheiden ließ. Der Titel ist bei weitem nicht das einzige, in das die Autorin Gedanken gesteckt hat. Emma Braslavsky hat acht Jahre lang recherchiert, mit Kabbalisten oder Genforschern diskutiert und das geballte Material so ausgezeichnet editiert, dass ganz nebenbei ein bisschen Heideggerterminologie oder Genetikwissen in den Lesenden rutscht.

Für mich bedeutete Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen ein nahezu wahnhaftes Lesewochenende angefüllt mit bleiern-komischen Ideen und bleibenden Bildern. Lesen ist die adäquate Art, mit diesem Buch umzugehen.



Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen ist im September 2016 im Suhrkamp Verlag erschienen, umfasst 462 Seiten und ist für 24 Euro zu erstehen. Der Verlag hat zudem eine Plattform eingerichtet, die das Leseerlebnis auch nach Seite 462 nicht enden lässt.

Weitere empfehlenswerte Rezensionen zu diesem Roman finden sich auf dem Zeilensprünge-Blog und im Buchrevier.

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