Ein letztes Mal mit Knausgård „Kämpfen“

Karl Ove Knausgård steht mit seinem Freund und Fotografen Thomas an einem See in Südschweden. Den Blick aufs Wasser gerichtet erzählt Thomas von Glockenfröschen, kleinen Kröten, die glockenähnliche Klänge von sich geben. Knausgård hört und sieht sie nicht. Wenig später schwärmt sein Freund von den in Höganäs ansässigen Nachtigallen, doch auch sie bleiben abwesend. „Es war wie ein perfekter Anfang für einen Roman.“ Vielleicht auch für eine Rezension.

Kämpfen heißt der sechste und letzte Band von Knausgårds Buchprojekt, das sich ganz sicher nicht von ihm als Autor abtrennen lässt. Über den Tod seines Vaters, seine Liebschaften, Träume oder Kindheitserinnerungen hat der norwegische Autor bereits geschrieben, in Kämpfen kehrt jedoch all dies noch einmal wieder. Knausgård kämpft für seine Freiräume, darum, schreiben zu können, mit dem Alltag und vor allem mit jenen Menschen, die seit 2009 öffentlich zu Figuren seiner Romane geworden sind. Endlich ist zu erfahren, wie es seine Ex- oder jetzige Frau aufgenommen haben, ihre Beziehungen öffentlich diskutiert zu wissen. Knausgård zeigt sich dabei wider Erwarten nicht abgebrüht oder narzisstisch, sondern naiv und verletzlich, menschlich. Der Autor schafft es, dass man ihm glauben möchte, dass Schreiben eine sich derart in Abgeschiedenheit vollziehende Handlung ist, dass die sozialen Folgen davon für ihn gedanklich nicht absehbar waren. Die Reaktionen der Angehörigen nachzuempfinden, liest sich berührend, aber auch mal ein bisschen, als hätte Knausgård seine eigene Klatschspalte geschaffen, in der er Interessierten die, zugegeben äußerst beschwerliche, Recherche in der norwegischen oder schwedischen Regenbogenpresse abnimmt.

knausgardkämpfen
Mit Kämpfen komplettiert Karl Ove Knausgård sein autobiografisches Projekt Min Kamp.

Kurz gefasst hat sich Knausgård dabei keineswegs. Vom Schutzumschlag befreit könnte sich auf den über 1200 dünnen Seiten zwischen den schwarzen Buchdeckeln auch das „Büch der Bücher“, die Bibel, verbergen. Manchmal scheint es, als habe Knausgård, der selbst an der neuesten norwegischen Bibelübersetzung mitgearbeitet hat, genau so ein Buch schreiben wollen, ein Manifest zum Verstehen der Welt und ihrer Zusammenhänge. Eingerahmt von den gewohnten autobiografischen Zoomeinstellungen hat Knausgård fast 500 Seiten Deutung von Welt- und Ideengeschichte, einen Essay, wie er es nennt, in Kämpfen versteckt. Warum jetzt genau? „Die Bücher, die ich gelesen habe, sind ebenso untrennbarer Teil meiner Geschichte wie alles, was ich erlebt habe.“ In diesem etwas übermütigen Philosophie- und Literaturstudium, durch das Knausgård den Lesenden zerrt, verbirgt sich neben Analysen von Lyrik Celans oder Homers Epen auch eine Erklärung für den Namen Min Kamp, Mein Kampf, den Knausgårds sechsbändiges Projekt im Original trägt: „Hitlers Kindheit und Jugend ähneln meiner eigenen, seine Liebe aus der Distanz, sein verzweifelter Wunsch, etwas Großes zu werden, um sich selbst zu erhöhen, die Liebe zu seiner Mutter, der Hass auf den Vater, sein Gebrauch der Kunst als Ort der Ich-Auslöschung und der großen Gefühle.“

Jene leicht pathetische Reise, die vielleicht als einzelne Publikation hätte veröffentlich werden dürfen, macht zum Glück irgendwann wieder dem Knausgårdschen Mikrokosmos Platz. Vanja, Heidi und John werden heute schon so alt sein, dass sie lesen können, wie ihr Vater über sie gedacht und geschrieben hat. Knausgård verspricht jedoch, sich an diesen Entwicklungen fortan nicht mehr im gewohnt realistischen Stil zu bedienen und lässt seinen Kampf im Jahr 2011 zu Ende gehen. Als Autor von höchst wahrscheinlich fiktionaleren Texten kehrt er jedoch schon im Herbst zu uns zurück. Vielleicht ja mit der Nachtigall.

 

Kämpfen ist im Mai 2017 bei Luchterhand erschienen, umfasst 1277 Seiten und ist für 29 Euro zu erstehen.

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