Die perfekte „Skizze eine Sommers“ – ein Roman von André Kubiczek

Mein idealer Sommer riecht nach Chlor, manchmal auch nach Meersalz oder Pommes. Ich kann jeden Tag ausschlafen, nachts bei einem lauen Lüftchen und Laternenlicht ewig in Parks herumsitzen, dazu laufen Belle and Sebastian rauf und runter. Der Sommer soll bitte ewig andauern und wird doch nur dadurch so gut, dass er eines Tages von raueren Temperaturen und Tagen abgelöst wird. Skizze eines Sommers konserviert jene warmen Monate und obwohl André Kubiczek Potsdam statt die Ostsee, noch dazu ein DDR-Potsdam der 80er Jahre, skizziert, lande ich beim Lesen immer wieder gedanklich in meinen eigenen Sommerferien.

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Skizze eines Sommers lässt die wunderbare Langeweile in Anbetracht eines scheinbar endlosen Sommers, die nur ein Teenager empfinden kann, noch einmal erfahrbar werden.

René ist ein Teenager mit einem Segelohr, der seine schwarzen Haare an manchen Tagen darüber kämmt, an anderen sein Ohr zur Schau stellt. Schwarz ist sowieso Renés Farbe, sodass ihm schon mal Reparaturlack dabei helfen muss, von Kopf bis Fuß dementsprechend eingekleidet zu sein. Stil ist schließlich wichtig:

Als wir Mitte der Zehnten plötzlich in Anzügen zur Schule gekommen waren, Michael, Dirk und ich, Haare hoch und Broschen aus falschen Diamanten am Revers, hieß es auch sofort, wir seien dekadente Subjekte. Aber wir ließen sie einfach quatschen, die Klassenlehrerin, den Direktor, den bekloppten FDJ-Heini mit seiner gebrauchten Fußballer-Frisur.

Etwas sagen lassen, mag sich René generell nicht so gern, auch wenn das nicht heißen soll, dass er genau weiß was er will. Baudelaire lesen, einsamer Kaffeehausintellektueller sein, so eine Möglichkeit. Zum Proletariat gehören, eine Fast-Friseurin daten, so die andere.

Als Renés Vater ihm eröffnet, dass er den Sommer ohne ihn bei einer Friedenskonferenz verbringen wird, ist das Freiheitsgefühl zunächst groß, die Langeweile allerdings auch – Sommerferien, man kennt das ja. Eine Mutter gibt es nicht mehr, René hat sturmfrei, einen Haufen Geld noch dazu. Die Tage flirren sommerlich dahin, bringen neue Mädchen, Stress mit den besten Freunden und Zeit, um in Lektüren aufzugehen. Warum das alles lesenswert sein soll, noch dazu für Menschen, die die 16 schon eine Weile hinter sich gelassen haben? Die Sprache. Locker, seicht, komisch, schlau, jugendlich-überheblich, nie aufgesetzter als so ein René wohl sein könnte – schon nach Seite eins sinkt man mit hinein in das Sommerferiengefühl. Anders als bei Herrndorfs Tschick muss hier kein Lada wie ein fliegender Teppich durch die Welt rasen, in Skizze eines Sommers reichen eine Bimmelbahn auf dem Weg zum äußeren Rand der DDR oder das Verweilen auf einer Parkbank, um dem Teenager-Ich wieder etwas näher zu kommen. André Kubiczek hat eine Leserin gewonnen.


Skizze eines Sommers ist im Mai 2016 bei Rowohlt erschienen, umfasst 374 Seiten und ist für 19,95 Euro zu erstehen. Die Taschenbuchausgabe für 9,99 Euro erscheint im Januar 2018.

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