Luisa Stömers und Eva Wünschs „Ebbe & Blut“ – Menstruation war noch nie so schön

Manchmal bekommt man einfach mehr als man erwartet. Mehr Blut, mehr Buch, mehr Unterhaltung, mehr Ästhetik – so zumindest im Fall von Luisa Stömers und Eva Wünschs Ebbe & Blut.

Wären die beiden Damen nicht Grafikdesignerinnen, hätte das Buch rund um den weiblichen Zyklus einfach irgendwo zwischen locker-flockigen Haut- und Darmbüchern in der Sachbuch- oder Gesundheitsabteilung einer Buchhandlung verschwinden können. Zum Glück ist das Blutbuch stattdessen ein kleines Designwunder, das ganz ohne Scham Schaufenster verzieren und in U-Bahnen gelesen werden kann.

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Ebbe & Blut – eine bedingungslose Empfehlung für Wesen jeden Alters und Geschlechts.

Auch im Buchinneren beweisen die Autorinnen und der Verlag Gräfe und Unzer guten Geschmack: Collagen zeigen Eileiter als Greifarme, die Eizellen von A nach B transportieren, oder illustrieren die fruchtbaren Tage mit einem Kind in schwarz-weiß, das auf einem vierbeinigen Kaktus thront, auch Brüste und Fische kommen nicht zu kurz. „Form follows function“ betitelt zwar einen Textabschnitt, trifft bei diesem Projekt insgesamt aber ganz sicher nicht zu.

Wer jetzt schon Angst vor dem Inhalt bekommen hat, kann sich beruhigen. Die Autorinnen können schreiben und das ganz ohne Befreiung-der-Vagina-Pathos. Stattdessen ist irgendwie alles normal, alltäglich und erstaunlich informativ. Wer weiß schon, was genau wann im ersten oder zweiten Zyklusabschnitt geschieht oder kennt die verschiedenen Funktionen von Zervixschleim? Äußerst liebevoll widmen sich Stömer und Wünsch, die man eigentlich lieber duzen möchte, der „Wahnsinnserfindung des Frauenkörpers“, dem „Ursprung des Lebens“.

Flapsig wird es dann doch irgendwie, aber das tut dem gern totgeschwiegenen Thema nur gut. „Wir haben unsere Tage, die Periode, Besuch aus Rotenburg oder unsere Menstruation … Wie auch immer wir das auch nennen mögen, die Schleimhaut der Gebärmutter läuft uns Richtung Unterhose.“ Das erste Kapitel heißt „Einführen“, der Uterus wird schon mal zum „Bluterus“, zyklusangepasste Ernährungstipps sind mit „Essen und Eier legen“ übertitelt. Auch das Verständnis für den Verbleib auf der Couch an den Fluttagen wird nebenbei in eine wissenschaftliche Abhandlung im Plauderton hineingewoben. Ebbe & Blut sollte vielleicht Pflichtlektüre werden, übertrifft aber auf jeden Fall die Ausführungen meines verschämten Biolehrers um Längen.


Ebbe & Blut ist im April 2017 bei Gräfe und Unzer erschienen, umfasst 240 Seiten und ist für 24 Euro zu erstehen.

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