Juliana Kálnay baut in „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ein Haus, das man besser nur von außen betrachtet

Goldfische zu halten, sollte eigentlich kein allzu schwieriges Unterfangen darstellen. Ronda, einer Bewohnerin des Hauses 29, kommen jedoch über Nacht immer wieder mehrere ihrer glitschigen Gefährten um. Sie liegen dann nicht einfach so leblos in ihrem Aquarium, nein, die Toten ruhen in ihrem eigenen Bett, auf ihrer Brust oder sogar in ihrer Unterhose.

Dieses unangenehme Vorkommnis ist nicht das einzige, das sich in jenem Haus ereignet, das die in Kiel residierende Nachwuchsschreiberin Juliana Kálnay in Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens erbaut. Die Kinder des Hauses grillen gern Nacktschnecken oder ihre eigene Haut im Treppenhaus, eines frisst sich auch wie ein kleiner Parasit durch die Hauswände. Seltsame Gerüche und Gerüchte mehren sich, jemand verschwindet, sogenannte Normalität ist hier unerwünscht oder zumindest rar. Kálnay verzichtet auf den großen Plot und setzt in ihren in der Regel ein- bis zweiseitigen Kapiteln eher auf surrealen Eklektizismus. Jeder Abschnitt lässt andere Bewohner*innen zu Wort kommen, mal aus dem Keller, mal aus dem Anbau oder den Mauern selbst heraus. Dabei variiert neben der Perspektive auch der jeweilige Stil. James Joyces Ulysses oder George Perecs Das Leben dienten der Autorin dafür unter anderem als Inspirationen. Als Gerüst fungiert jedoch allein das Haus mit der Nummer 29.

einekurzechronikdesallmählichenverschwindens
Wer Pastiches und Schnecken mag, sollte Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens ebenfalls mal kosten.

Wenn innerhalb weniger Seiten wieder jemand Neues zu vermissen ist, Blut tropft oder eine Bewohnerin zur Totengräberin wird, wünscht man sich dann doch ein klein wenig ignorant-gewöhnliche Nachbarschaft herbei, um die Ereignisse irgendwie kontrastieren oder verankern zu können. So verkommt leider die Mann-wird-Baum-Geschichte sowie die daraus resultierende Frau-befriedigt-sich-an-dessen-Rinde-Passage zu einem müde lächelnden Ach-das-jetzt-auch-noch. (Hätte ich ähnliche Motive nicht gerade erst bei Doris Dörrie oder Christian Kracht entdeckt, wäre das ganz vielleicht anders.)

Das Verschwinden von Maia, von menschlicher Nähe und auch vom Gerüst selbst ist dann aber doch immer mal wieder nett, vielleicht etwas zu ambitioniert in Richtung der Fantastik oder des magischen Realismus konstruiert, aber nett. „Heute sind wir manchmal einsam. In Maias Löcher haben wir Blumen gepflanzt. In anderen finden wir manchmal kleine Tiere, doch die können wir nicht behalten.“ Juliana Kálnay seien dennoch so einige Leser*innen gegönnt, die sich in ihrem Haus wohler fühlen als ich.


Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens ist im Februar 2017 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen, umfasst 192 Seiten und ist für 20 Euro zu erstehen.

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