Takis Würgers „Der Club“ geht viral

Menschen, die im WWW über Bücher schreiben, darf man sich wie Mitglieder eines großen Clubs vorstellen. Das ist schön, wenn einem nach dem Bekunden von Interesse direkt freundliche Hände gereicht werden, aber auch verpflichtend, wenn tagtäglich neue Texte publiziert werden, die gelesen und kommentiert werden wollen. Mit einigen Ausschlägen dominieren in diesem Club belletristische Neuerscheinungen. In der ersten Hälfte dieses Jahres hat sich dabei ganz langsam, von Auflage zu Auflage, ein gestreiftes Büchlein auf jeden zweiten Blog, Instagramaccount oder Buchmenschentwitterfeed geschlichen. Ein Club im Club sozusagen, noch dazu äußerlich im Trend.

Takis Würgers Der Club ist im Februar beim Schweizer Verlag Kein & Aber erschienen, der dafür bekannt ist, Texte besonders hübsch zu verpacken, und noch dazu ein Händchen für Digitalmarketing zu beweisen. Beides spielt Herrn Würger, der vor jenem Debüt bereits als Spiegelredakteur Karriere gemacht hat, in die Karten, denn wer kann bei feinster Haptik, belesenem Kaninchen bzw. Hund und trendigen Streifen noch nein sagen?

derclubtakiswürger
Streifen treffen süße Tiere – wer will da nicht in den Club?

Dennoch, der Roman hat auch einen Inhalt, der jedoch komprimiert etwas kurios daher kommt: Hans mag Bäume und Boxen, Hans wird Waise, Hans hat eine Tante. Hans‘ Tante arbeitet in Cambridge, Hans geht nach Cambridge, Hans darf dort Boxen. Na ja, nicht ganz, denn eigentlich heißt Hans gar nicht Hans, sondern ermittelt unter ebenjenem Decknamen im Auftrag seiner Tante Alex, um kriminelle Machenschaften von elitären Studentenvereinigungen, Clubs, aufzuklären. Kurios, ja. Ganz ehrlich, ohne die virtuelle Omnipräsenz wäre mir dieser Titel nicht in die Finger gekommen.

Und, hat es sich gelohnt? Ja. Nun ja, wenn auf 240 Miniseiten Figuren eingeführt, liebgewonnen und auch noch Verbrechen aufgeklärt werden müssen, leidet etwas – die Sprache. „Abendlicht fiel durch die Halle, die Boxsäcke hingen an Ketten von der Decke. Nach dem Training saß ich im Auto und dampfte. Mein Vater hatte zugeschaut, wir saßen schweigend da.“ Jener helfen dann leider auch die enorme Onlinepräsenz von Verlag und Familie Würger eher weniger. Zugleich schiebt sie jedoch mit ihrer Durchlässigkeit den Fokus auf die Handlung und lässt Lesende einfach über die Seiten fliegen. Mich konnten von Hans‘ Lebensdrama weder in meinen Sitz boxende Kinder noch ein turbulenter Flug abbringen – schon ist man drin in diesem Club.



Der Club ist im Februar 2017 bei Kein & Aber erschienen, umfasst 240 Seiten und ist für 22 Euro zu erstehen.

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