Ada Dorians „Betrunkene Bäume“ bilden ein gewagtes Dickicht

In betrunkenen Wäldern verlieren die Bäume die Bodenhaftung, geraten durch Permafrost in Schieflage. Ada Dorian bedient sich nicht nur an dieser Metapher für ihre wenig gut verwurzelten Figuren, sondern gibt sibirischen Wäldern auch auf der Handlungsebene Raum.

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Ada Dorians Wald ist vielleicht etwas zu dicht, aber dennoch bequem zu durchschreiten.

Betrunkene Bäume lässt drei Erzählstränge langsam zusammenwachsen. Da ist Katharina, Teenie, Schulabbrecherin und gerade dabei, falsche Bekanntschaften zu machen, zu oft zu bunten Tabletten zu greifen und alle vorherigen Wegbegleiter störrisch als Streber abzutun. Dann Erich, der gealterte Professor, dessen Spezialgebiet ebenjene schwankenden Bäume sind, und der selbst physisch wie mental mit seinem Gleichgewicht kämpft, während in seinem Schlafzimmer seine geliebten Pflanzen Überhand nehmen. Auch seine Frau fand dort keinen Platz mehr. Und zu guter Letzt Wolodja, ein ehemaliger Arbeitslagerinsasse, der das Deutsche sowie den Wald kennt, ohne jemals darum gebeten zu haben.

Ohne Wolodja wäre der junge Wissenschaftler Erich nie dem Dickicht Sibiriens lebend entkommen, ohne Katharina wäre der schon lange emeritierte Erich in seiner kleinen Wohnung in einem ähnlichen Dickicht gefangen. Wie der Zufall bzw. Ada Dorian es so will, hält sich Katharinas Vater in Russland ganz in der Nähe des Gebiets auf, in dem Erich früher seine Forschung betrieb. Aus diesem etwas verqueren Grund erreicht jener liebenswerte Greis ihre, sich ansonsten in Schieflage befindende, Welt. Da es in der Dorianwelt kein Internet zu geben scheint, darf die aus dem heimischen Plattenbau ausgerissene Katharina, die neuerdings Cat genannt wird, ihre aus einem Dierckeatlas entwendete Russlandkarte („Alles, was sie hatte, war eine Landkarte.“) nun durch Erichs umfassendes Material austauschen. Erich bekommt hingegen eine Haushaltshilfe, die in ihm mehr als wankende Senilität sieht – eine Win-Win-Situation.

Für ihr Debüt hat sich Ada Dorian großen Stoff ausgesucht, der manchmal nicht so recht auf die 268 Seiten passen will, manchmal nur hölzern in Worte zu fassen ist. Nach dem Lesen musste mein Eindruck zu diesem Roman eine Weile ruhen, um nicht die Skepsis diesen Text dominieren zu lassen. Gerade die wörtliche Rede tritt immer wieder wie ein Störgeräusch auf, vielleicht sollten die Figuren ihre Worte noch einmal überdenken. „‘Dein Vater ist gegangen, nicht ich.‘ ‘Ich habe dich gesehen. Mit einem anderen Mann.‘ Ihre Mutter sah sie ratlos an. ‘Wo denn?‘“ Cats Mutter dürfte wohl nicht auch noch Putzfrau sein, Erich nicht noch nie frische Ananas gegessen haben und dann immer wieder das mit den Strebern … Ich freue mich jedoch, etwas anderes als einen Junge-Menschen-in-Berlin-Roman vor mir zu haben, und sehe Dorians Debüt als mutiges Wagnis an, das hier und da noch ein bisschen Rodung benötigt.


Betrunkene Bäume ist im Februar 2017 im Programm Ullstein fünf des Ullstein Verlags erschienen und für 18 Euro zu erstehen.


Eine lesenswerte Rezension hat auch Constanze Matthes von Zeichen & Zeiten verfasst.

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