Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ bekommt Manie und Depression verbal zu fassen

Als ich Thomas Melle im November 2016 im Kieler Literaturhaus erleben durfte, wirkte der literaturwissenschaftlich höchst gebildete Autor professionell, distanziert und schlagfertig gegenüber dem Fragepool, den Volontärin und ebenfalls Autorin Juliana Kálnay ihm darbot. Außer dass Melle seine private, liebevoll zusammengetragene Bibliothek im Affekt versetzt, nein, verscherbelt hatte und Knausgård kein Wort glauben wolle, blieb bei mir nur eine vage Idee davon zurück, dass dieser Mensch einen langen Weg gegangen sein muss, um heute, damals, so gefasst vor uns allen sitzen zu können.

Wie dieser Weg tatsächlich, bzw. so tatsächlich wie ein literarisches Werk es abbilden mag, ausgesehen hat, habe ich erst mit der Lektüre von Die Welt im Rücken erfahren dürfen, erfahren müssen. Thomas Melle ist, wie es heute heißt, bipolar, was ihm selbst jedoch zu euphemistisch anmutet – in seinen Worten ist er manisch-depressiv und das leider sehr. „Meine Manien und Depressionen dauern ungewöhnlich lange, und die Manien sind darüber hinaus von paranoiden Psychosen begleitet. Spreche ich bei mir von einer Manie, ist also meist auch eine Psychose mitgemeint, die einen erheblichen und wahnhaften Realitätsverlust bis hin zu halluzinatorischen Momenten bedeutet.“ Nach so einer Aussage muss man vielleicht erst einmal schlucken, ahnt die Schwere der Erkrankung, aber kann sich wahrscheinlich noch nicht vorstellen, was auf Thomas Melle sowie den Lesenden zukommt.

thomas melle die welt im rücken
Drastisch, ehrlich, tief- und abgründig schildert Thomas Melle seinen eigenen Lebensdrahtseilakt.

Drei Manien mit folgenden schwerwiegenden Depressionen ziehen sich durch das Buch. Immer wieder und immer schmerzlicher lässt sich Melle dabei verfolgen, wie er selbst in seinem Alltag, in seinem Denken und Handeln, immer schneller wird, so schnell, dass sein Verstand irgendwann eine neue Welt baut. Eine Welt, in der Melle der Mittelpunkt ist, jeder Madonnasong nur von ihm handelt, sich selbst die toten Literaten in seinem Regal Informationen über ihn zuflüstern. Freunde und Familie können nicht helfen, Kliniken werden wiederholt verlassen, Ärzten ein gesundes Schauspiel vorgeführt, sogar Theaterstücke verfasst Melle im sich anbahnenden Wahn. Die paranoid-rasante Welt spuckt Melle irgendwann wieder aus, mal nach drei Monaten, mal erst nach mehr als einem Jahr. Plötzlich wird dann der Blick auf das Schlachtfeld seines Wahns frei, was Thomas Melle sodann verstört, verschämt und gelähmt werden lässt. Im Wahn verliert er immer wieder ihm wichtige Bezugspersonen, sein Obdach und jede Menge Geld. Dass die Realisation dessen weh tut, kann man sich vorstellen.

Warum nun so etwas schwermütiges lesen? Die Welt im Rücken ist nicht nur die Chronologie einer Krankheit, sondern ausgefeilte Literatur. Auch wenn Thomas Melle sich weit mehr an seine Biographie hält als noch in Sickster oder 3000 Euro, die Fiktion ein wenig pausieren lässt, sind die Worte noch immer auf seiner Seite – so wird hier der Drahtseilakt Leben in seiner schönsten Form geboten, zwischen „Gedankenkrieg“ mit dieser sogenannten Normalität bis zu ewig drohenden Maisfeldern, die zu „Popcornwäldern“ aufspringen wollen. Ganz nebenbei schwingen Eindrücke aus dem Literaturbetrieb der 90er- und 2000er-Jahre mit, nicht auslassend, dass Thomas Melle nicht jede Lesung so souverän hat meistern können wie jene, der ich beiwohnen durfte. „Und wenn sich jetzt jemand fragt, wieso der Typ so narzisstisch viel von seinen Texten labert, dann ist die Antwort: weil die Texte inzwischen mein Leben sind. Sonst habe ich nämlich kaum eines. Vielleicht bessert sich das irgendwann, vielleicht nicht.“ Mit den besten Wünschen.

 

Die Welt im Rücken ist im August 2016 im Rowohlt Verlag erschienen, umfasst 348 Seiten und ist für 19,95 Euro zu erstehen. Als Taschenbuch erscheint es im Februar 2018.

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