Uwe Kopfs „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ schlägt im Plauderton k. o.

Es ist schwer, an dieser Stelle nicht einfach eine Hommage an Uwe Kopf, der weder das heutige Datum noch die Veröffentlichung seines Debüts erleben darf, sowie an die Zeitschrift Tempo, für die Kopf schrieb und die ebenfalls schon viel zu lange nicht mehr unter uns ist, zu verfassen. Beide waren intelligent, polarisierend und viel zu genial, um einfach zu verschwinden. Zum Glück gibt es seit April ein wenig Hoffnung – das Tempo-Programm von Hoffmann und Campe ist da und lässt den schlau-schnoddrigen Stimmen von gestern und heute ihren Raum – darin findet sich natürlich auch Kopfs Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe.

uwe kopf die elf gehirne der seidenspinnerraupe
Uwe Kopfs Ton schlägt aus dem ästhetischen Hinterhalt zu – und das ist gut so.

Zu wissen, dass Uwe Kopf die Veröffentlichung nicht mehr erlebt hat, wirkt sich auf die Lektüre aus. Dass jener in seinem Debüt auch noch den Suizid seines Bruders verarbeitet, lässt die stets beim Lesen mitschwingende Melancholie nicht unbedingt kleiner werden. Trotzdem ist der Roman ebenso komisch wie sein Titel. Sören, Kopfs Alter Ego, weiß in allen Lebenslagen mit „die Seidenspinnerraupe hat elf Gehirne“ den passenden Satz zu sagen, auch sonst bekommt er sein Dasein erfolgreich gemeistert – Frauen fliegen ihm zu, seine journalistische Karriere läuft auf Hochtouren und er weiß, die Vorzüge des Lebens zu genießen. Bei seinem Bruder Tom entwickelt sich leider alles anders, sodass das Buch bereits nach dessen Beerdigung beginnt und retrospektiv offen legt, was Tom dazu führte, nicht mehr sein zu wollen.

Es fällt schwer, die Handlung dieses Buches wiederzugeben, ohne es nicht wie ein höchst depressiv stimmendes Werk wirken zu lassen. Ich möchte jedoch versichern, dass dieses Unterfangen im Text selbst gelingt. Wenn Uwe Kopf von der psychischen Krankheit seiner Mutter, seinem SS-Vater oder dem zu distanzlosen Stiefvater erzählt, trifft der Inhalt oftmals aus dem Hinterhalt, obenauf liegen Anekdoten aus dem Hamburg der 80er- und 90er-Jahre und ein angenehmer, aber doppelbödiger Plauderton. „Chemiefacharbeiter sollte Tom nun werden, Mutter hätte ihn ebenso gut als Rennfahrer bei der Formel 1 anmelden können, denn Tom wollte nicht arbeiten und hatte in Chemie immer eine Fünf oder Sechs gehabt. Chemiefacharbeiter sei was Sicheres, meinte Mutter, also trank Tom morgens um sechs zwei Fläschchen Jägermeister, um Mut zu fassen, nahm die S-Bahn und fuhr raus zur Norddeutschen Affinerie.“

Die heterodiegetische Perspektive, das Schreiben in der dritten Person, wechselt sich im Laufe der Handlung immer wieder mit der ersten Person ab – vielleicht sieht Tom sich selbst oftmals nur von außen, vielleicht wird hier deutlich, dass eigentlich sein Bruder versucht, sich in die Lage des anderen zu versetzen. Manchmal wird sogar Toms ganzes Leben zu einem Theaterstück und Kopf schreibt plötzlich eines der fünfzig Kapitel in Dramenform:

„MUTTER: Sterben, so‘n Quatsch! Das war was Sicheres, jetzt hat er nicht nur nichts Sicheres, sondern gar nichts mehr.

TOM: Hm. Äh …“

Wenn dies wegen ein paar Realitätsreferenzen wie Sunil und Jever oder feiner stilistischer Spielerei nun Popliteratur ist, dann die gute, intelligente Variante. Hoffentlich hat Uwe Kopf in seinem Nachlass ein weiteres Manuskript versteckt, falls nicht, „die Seidenspinnerraupe hat elf Gehirne“.


Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe ist im April bei Tempo erschienen, umfasst 320 Seiten und ist für 22 Euro zu erstehen.

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