Banana Yoshimoto lässt in „Moshi Moshi“ ein Bistro zum Lebensretter werden

Endlich von Zuhause ausziehen, entscheiden, wie sich Möbelstücke im Raum verteilen, ungestört durch Shimokitazawa, Tokios Kreativenviertel, flanieren. Das wünscht sich Yotchan, die nach dem Tod ihres Vaters Abstand von allem braucht, das bisher ihr Leben bestimmt hat. Mit ihrem Job in einem Bistro, das Pariser Flair mit japanischer Küche paart, und einer kleinen Wohnung mit Kirschbaumblick denkt sie sich genau auf dem richtigen Weg. Ihre Mutter hat jedoch andere Pläne: „In unserer Wohnung ersticke ich. Alles ist wie tot. Ich habe jetzt erst begriffen, wie wichtig deine Anwesenheit für mich war.“ Kurzerhand packt jene ihre sieben Sachen, tauscht vormals edle Kleidung und Verhaltensweisen gegen viertelkonforme Shirts samt einer neuen Lockerheit und zieht ein in Yotchans Traum von Unabhängigkeit.

moshi moshi banana yoshimoto
Banana Yoshimoto ermöglicht Lesenden mit Moshi Moshi eine kostengünstige Tokioreise.

Moshi Moshi ist ein merkwürdiges Buch, anders kann ich es kaum in Worte fassen. Mit Übersinnlichkeit, diversen Ritualen und der großen Bedeutung von noch so kleinen Alltagshandlungen habe ich gerechnet, die Art der Dialoge und Yotchans Sicht auf Beziehungen waren weniger vorhersehbar. Jedes Wort eines Gesprächspartners wirkt sich auf die Figuren aus, kann Einstellungen und Lebensträume verändern. Dabei ist jede Aussage so kurz und präzise, dass nicht aneinander vorbeigeredet wird, keine Missverständnisse und Streitereien aufkommen. Diese Präzision gibt dem kleinen Buch eine eigentümliche Dynamik, Szenerien wandeln sich schnell, ein Satz führt zu Sex, einer beschreibt ihn, einer reflektiert – und schon ist Yotchan wieder aus der Tür. „So etwas hatte ich noch nicht erlebt, und ich sehnte mich schon nach dem nächsten Mal. Das machte mich nachdenklich.“ Yotchans Mutter wünscht sich eine eigene Familie für ihre Tochter, während jene lieber Karriere machen will, die Standpunkte sind ausgetauscht, beide verstehen den jeweils anderen, Punkt.

Die Art des Sprechens und Denkens in Moshi Moshi ist neben der besonderen Bedeutung von Essen, wobei schon einmal ein guter Salat beim Überleben helfen kann, das, was den Roman ausmacht. Die Handlung rund um die Folgen des Todes von Yotchans Vater wird dabei eher in den Hintergrund gedrängt, ist oft skurril, aber nicht uninteressant. Yotchans Männergeschichten zeigen jedoch Rollenerwartungen von Mann und Frau, bei denen zu hoffen ist, dass sie nicht aus Banana Yoshimotos Alltag stammen. Die Liebe zur Arbeit in Cafés, zu Tokio und zu gutem Essen teilt jene zumindest mit ihrer Hauptfigur, wovon ich mich beim Lesen gerne anstecken lasse. Allein um Eri, ihre Schildkröte und ihren besonderen Tee, Frau Tanakas Bananenbrot oder Michiyos Splittereis kennenzulernen, sollte dieses Büchlein gelesen werden. Kostengünstiger kommt man kaum nach Tokio.


Moshi Moshi ist im Februar 2015 bei Diogenes erschienen, umfasst 293 Seiten und ist für 12 Euro zu erstehen.

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