Theresia Enzensbergers „Blaupause“ konstruiert das Bauhaus der 20er-Jahre neu

Wenn es einmal Sinn ergibt, ein Buch vom Äußeren zum Inneren hin zu beschreiben, dann hier. Das Cover von Blaupause ziert ein Foto von ein paar jungen Menschen, die studentisch aussehen und sich über Bürgersteig und Balkon eines Gebäudes verteilen. Das Bild wurde nicht etwa heute Morgen an der FU aufgenommen, sondern 1927 am Weimarer Bauhaus, nur die Farbe ist nachträglich aufgetragen worden und bringt das Motiv ins Heute, im Inneren des Buches verfährt Theresia Enzensberger ebenso. Gropius, Itten, Kandinsky und Klee – alle dürfen hinein in Enzensbergers Erstling, behalten zwar ihr bekanntes Äußeres, aber sagen ein wenig mehr als von ihnen überliefert ist. Mit den elitären Herren schlägt sich die junge Luise Schilling herum, die es mit Anfang 20 zum Architekturstudium von Berlin nach Weimar zieht.

Blaupause Theresia Enzensberger
Das Cover von Blaupause ziert ein Originalfoto aus den 20er-Jahren, das einen farbigen Anstrich bekommen hat.

Luise kommt aus bürgerlichem Hause, ihr Vater ist Architekt, ihre Mutter nicht immer einfach, ihr Bruder rechtskonservativ, für alles andere gibt es die Haushälterin. Dass Luise nicht ebenfalls eine werden bzw. Heirat und Heim zu ihrem Lebensplan erklären möchte, stößt bei ihren Lieben auf wenig Verständnis. Für ihren Traum, eine eigene Siedlung zu entwerfen, müssen diese entsprechend verprellt werden. Auch die Lehrmeister am Bauhaus sind gedanklich eher gestrig und lassen Damen lieber in der Weberei herumspinnen als Talente und Neigungen zu würdigen – leider gehört dieser Teil zu den historischen Überlieferungen. „Keine Sorge, Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich würde dir allerdings empfehlen, in die Textilwerkstatt zu gehen.“

Blaupause nimmt sich auch Zeit für Liebeleien, Parties und politische Kontroversen. Ebenso dekadent wie brenzlig zeigen sich Enzensbergers 20er-Jahre, in denen Luise Schilling nicht zu einer emanzipierten Kämpferin verklärt wird, sondern naiv sein darf und ihre Lehren erst lernen muss. Dabei versucht Theresia Enzensberger nicht, ihr einen vermeintlich gestrigen Jargon aufzuzwingen, sondern lässt sie zu einer jungen Frau werden, die auch heute im Großen und Kleinen mit verwirrenden Weltverhältnissen konfrontiert sein könnte. „Ich beneide Maria darum, dass sie so sicher weiß, was sie denken soll und wo sie hingehört. Darum, dass sie einen Lehrer hat, mit dem sie sich offensichtlich über alles einig ist. Darum, dass sie mit sich, mit ihrer Weltsicht und mit ihren Freunden im Reinen ist.“ Luises Hindernisparcours verfolgt sich höchst unterhaltsam wie nachdenklich stimmend und führt hoffentlich zu einem zweiten Roman, bei dem dann nicht mehr darüber gesprochen wird, wessen Tochter ihn verfasst hat.


Blaupause ist im Juli 2017 bei Hanser erschienen, umfasst 256 Seiten und ist für 22 Euro zu erstehen.

Advertisements

1 Comment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s