FLUFFY WORDS

Lina Wolffs „Bret Easton Ellis und die anderen Hunde“ beißt zu

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Der vierpfotige Bret Easton Ellis wohnte in einem Bordell, bis ihn Herr Rodrigo Auscias bei sich aufnahm, um selbst endlich mehr Hund als Hündchen zu werden. Hunde, das sind in Lina Wolffs Debüt eher Zwei- als Vierbeiner – und denen geht es an den Kragen. Sprachlich elegant verpackt wird das eine oder andere Menschen- bzw. Männerleben genüsslich durch den Fleischwolf gedreht. Keine Sorge, das ist kein Splatterroman, aber böse und bissig, das ist er.

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde sind nur Beiwerk in Lina Wolffs Debüt.

Alles beginnt und endet mit Alba Cambó, einer Schriftstellerin, in der ein Tumor wuchert, und die selbst ebenso ihr Umfeld befällt. Während ihre Nachbarn fasziniert als stille Beobachter am Dasein der Diva teilhaben, mischt sich diese weit lauter in andere Leben ein. Cambó zerstückelt in ihren Erzählungen gern Männerkörper, um auf die Omnipräsenz von Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Im übertragenen Sinne führt sie dieses „Spiel“ in ihrem Leben fernab der Literatur gern fort. Einen Stück des Weges dürfen sie dabei die junge Araceli und ihre Mutter, die Menschen von nebenan, begleiten.

Lina Wolffs Debüt ist bereits vor fünf Jahren auf Schwedisch erschienen, aber erst jetzt für Tempo von Stefan Pluschkat, einem Mann, übersetzt worden, dennoch schreit es äußerst feministisch und gegenwärtig aus den Buchdeckeln heraus. Wolffs zweiter Roman ist letztes Jahr veröffentlicht worden und verprügelt unter anderem Michel Houellebecq verbal für seinen Sexismus, was hoffentlich schneller auch hierzulande nachzuvollziehen sein wird – die Genugtuung könnte nicht größer sein. In meinem Fall ist es selten, einer Schriftstellerin bereits nach einem Roman zu verfallen und bereits Lesungstermine im Kalender zu markieren, äh, Lina Wolff kommt am 29. November nach Hamburg.

Zurück zum Roman, der postmoderne Erzählverfahren lässig aus dem Ärmel schüttelt und zu einem neuen Ernst steigert.

„Krebs bei Frauen muss eine Erfindung des Patriachats sein“, erklärte Moreau entschieden. „Wir werden so, wie die uns haben wollen. Das ist erniedrigend, Alba. Vergiss nie, der Erniedrigung mit Stolz zu begegnen.“ Alba lachte wieder.

Dieses diabolische Lachen ist beim Lesen permanent hörbar, mal beim unschuldigen Flanieren durch Barcelona, mal, wenn ein auf dem Boden liegender Mann nicht aufgehoben wird oder bei der kleinen, aber feinen Unterscheidung von Mercadona*- und Luxusmake-up. Ganz nebenbei webt Lina Wolff ein, dass kulturell wie politisch zurzeit so einiges vor die Hunde geht. Alles zusammen führt zu einer geschlechterübergreifenden Leseempfehlung.


*Mercadona ist eine spanische Supermarktkette mit einem Jingle, der nie wieder das Gehör verlässt. Der Name der Kette ist zudem ein Wortspiel aus den katalanischen Worten dona und mercat, Frau und Supermarkt. Wie passend.


Bret Easton Ellis und die anderen Hunde ist im Juli bei Tempo erschienen, umfasst 304 Seiten und ist für 22 Euro zu erstehen.

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