Alessandro Biamonti führt uns in „ArchiFlop“ zu Ruinen der Gegenwart

Roms Kolosseum ist beeindruckend, bei Touristen beliebt und erzählt von einer längst vergangenen Zeit. Eine Ruine ist dieses imposante Bauwerk dennoch, kein Kampf à la Game of Thrones trägt sich mehr in der Arena zu. Auf die Idee, die gigantischen Mauern niederzureißen, käme jedoch niemand. Anders ist dies bei den Ruinen, die der Mailänder Architekt Alessandro Biamonti in ArchiFlop in den Fokus nimmt.

Archiflop Alessandro Biamonti
Die Ufosiedlung existiert mittlerweile nur noch auf Fotos. Moderne Ruinen haben es nicht leicht.

Ein Feriendorf aus Ufohäuschen ziert das Cover von Biamontis Führer moderner Ruinen. Ein Plastikmogul forcierte den Bau der Siedlung im taiwanischen Sanzhi in den 70er-Jahren auf der Suche nach neuen Einsatzmöglichkeiten seines Materials. Schon Anfang der 80er standen die Baukräne still – Seelen verstorbener Soldaten hätten durch die Arbeiten keine Ruhe gefunden, ein Drache sei auch nicht einverstanden gewesen, vielleicht lag es aber einfach nur an einem zu eng gesteckten finanziellen Rahmen, dass nie begeisterte Urlauber die kleinen, bunten Ufos bezogen. 2008 dann wurden die Ufos wieder aus der Landschaft entfernt – der Umgang mit modernen Ruinen weicht enorm von der Verehrung, die dem Kolosseum, Forum Romanum und Co. zukommen, ab.

Biamonti kreidet diese Abrisskultur an. „Es ist, als wollten wir die Anzeichen des Misslingens aus unserem Umfeld tilgen. Das hat seinen Grund darin, dass die Ruinen der Gegenwart zwar etwas Sublimes an sich haben und uns rühren, dass sie uns zugleich aber auch schaudern lassen.“ ArchiFlop vereint nun also diese schauderhaften Gebäude oder gar ganze Städte, die von Menschen entweder verlassen wurden oder nie welche anziehen konnten. Die Übersicht des Misslingens ist hingegen gelungen gestaltet und leserfreundlich gruppiert, beispielsweise in ideologische Bauvorhaben oder rein profitorientierte Projekte – gescheitert sind sie natürlich allesamt. Auch Ideen für die Umdeutung bzw. tatsächliche Nutzung von modernen Ruinen finden Eingang in das ansonsten von großen Farbfotografien dominierte Buch. Biamontis progressive Gedanken sowie die umfassenden Infotexte zu jedem Bauwerk machen den Band zu mehr als einem leicht durchblätterbaren Coffeetablebook. Einzig die Übersetzungen aus dem Italienischen sind hier und da vielleicht etwas zu wörtlich angenommen worden – im Original erschien ArchiFlop erst im letzten Jahr. Kleine Fehler seien aufgrund der Eile also verziehen.


ArchiFlop. Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur ist im Februar 2017 bei der DVA erschienen und ist für 29,95 Euro zu erstehen.

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