10 Argumente für „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ von Kat Kaufmann

1. Kat Kaufmann verschwendet keine Zeit. Das Erzähltempo ist rasant, keine Passage ist zu lang und dennoch ist in Kaufmanns Satzgeschossen alles drin.

2. Das Buch dreht sich um „dich“, „du“ bist mittendrin, denn die Autorin schreibt in der zweiten Person singular. Das funktioniert nicht? Doch. „Du würdest dich jetzt lieber bei den Affen im Zoo einquartieren, dort ein Strobo-Gerät anbringen und mit denen durch das Gehege von Ast zu Ast springend durchdrehen.“

3. Punkt eins und zwei führen direkt zur Sogwirkung, die Die Nacht ist laut … entwickelt. Vielleicht ist es ein Jugendbuch, wahrscheinlich aber zu drastisch und intelligent dafür. Dennoch, wie damals bei Enid Blytons Fünf Freunden kann so aus ein paar Seiten Lektüre vor dem Einschlafen eine schlaflose Lesenacht werden.

4. Was zur Hölle ist hier eigentlich los? Worum geht‘s? Das wusste ich auch lange nicht genau, ändert sich im Laufe der Erzählung wiederholt und das ist auch gut so.

5. Na gut, zum Inhalt: Wir sind zunächst in Berlin, wo Protagonist Jonas relativ trostlos seine Tage verbringt. Sein Kopf will nicht wie er, eine Freundin und Familie gibt es, aber eigentlich ist nichts in Ordnung. Seine Wohnung brennt, sein Großvater stirbt und dann hinterlässt ihm dieser auch noch einen Zettel, der ihn zur Suche eines russischen Mannes auffordert. Keine Sorge, es ist zwar ein Nachtleben-in-Berlin-Roman, aber nicht nur das.

6. Vom Verlorensein in der Großstadt reisen wir also weiter weg von allen Jungschriftstellerklischees – nach Russland, wo sich alle Probleme dreifach wenden und im Kreis drehen. Dieses Mal wird nicht nur mit Sätzen geschossen.

7. Nicht nur mit Jonas, auch mit der Welt ist etwas nicht in Ordnung. Ein Newsticker am unteren Buchrand verrät, wie sich weltpolitisch Fronten erhärten. Anders als noch in Orwells 1984 ziehen nun Amerika und Europa als Ameropa an einem Strang, rüsten auf, ebenso verfährt Russland.

8. Noch interessanter wird die Form durch Redebeiträge eines allwissenden Erzählers, die immer wieder in die Handlung eingestreut werden. Wir reisen somit auch in der Zeit und lernen das Innere der Köpfe anderer Figuren kennen. „Svetlana hätte Hubert niemals geheiratet, hätte sie geahnt, dass nur ein Jahr später ein jeder Jude plötzlich willkommen ist im deutschen Lande.“

9. Kat Kaufmann hat Visionen, ist jung, heiß, schnell, genau wie ihre Figuren. Komponieren und Designen kann sie auch noch, sodass der Schutzumschlag ebenso von ihr kommt. Ein abstrakter Rest Mensch, miteinander spielende, verworrene Linien, Formengewirr, passender hätte sie diesen nicht gestalten können.

10. „‘Bei der Zombieapokalypse gehen wir drauf mit diesem Carsharing-Scheiß …‘ Der Wagen fährt los, beschleunigt von null auf schnell genug. Yulia kontrolliert die Rückbank. Alle da. Du atmest zu laut. Was war das? Was zur Hölle war das?!“ Finde das mal lieber raus.

Die Nacht ist laut der Tag ist finster Kat Kaufmann
Kat Kaufmann verliert in Die Nacht ist laut, der Tag ist finster keine Zeit, diese Rezension versucht ebenso heiß und schnell zu sein.

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster ist im Mai 2017 bei Tempo erschienen, umfasst 272 Seiten und ist für 20 Euro zu erstehen.

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