Ein Tänzchen mit Zadie Smiths „Swing Time“

In den letzten Wochen war es nahezu unmöglich, an Zadie Smiths Swing Time vorbeizukommen. Mein Instagramfeed erstrahlte (wenn auch oftmals durch Verlagssponsoring) in einem satten Gelb, in den Buchhandlungen stapelten sich Exemplare sowie Empfehlungskärtchen und auch das Feuilleton sang überwiegend Loblieder. Man kennt Zadie Smith schon ein paar Jahre, ihre Glanzthemen, Einwanderung und Marginalisierte in London, sind kaum trennbar von ihrer eigenen Biographie und finden sich auch in Swing Time wieder. Für mich ist es jedoch die erste Annäherung an einen Zadie-Smith-Roman.

Zadie Smith Swing Time
Der Hype um Swing Time hat dem Roman auch bei mir einen Platz beschert.

Kaum aufgeschlagen, war jener auch schon durchgelesen. Sich 640 Seiten versehentlich, nahezu im Vorbeigehen einzuverleiben, ist das etwas Gutes? Die Sprache von Swing Time bzw. der deutschen Übersetzung ist relativ schnörkellos. Worte wirken einzig wie Werkzeuge, die Smith nutzt, um ihr Anliegen vorzutragen – die Geschichte zweier Mädchen, die im Norden Londons aufwachsen, zu erzählen. Tracey und die Hauptfigur des Romans lernen sich bei sonntäglichen Ballettstunden kennen, werden zunächst ein Herz und eine Seele, bevor sie durch die unterschiedlichen Bedingungen ihres Heranwachsens nahezu natürlich getrennte Wege beschreiten. Beim Lesen fliegt man durch die Kindheit beider Mädchen hindurch, wird sensibilisiert für die Bedeutung von Hautfarben und wird hineingezogen in die Begeisterung für das Tanzen, die beide verbindet. „Nach dieser Logik hätte eigentlich Bill Robinson mein Lieblingstänzer sein müssen, denn Bojangles tanzte für den Harlem-Dandy, für die Ghetto-Jugend, für den Sharecropper – für alle, die von Sklaven abstammten. Doch für mich war ein Tänzer ein Mensch, der nirgendwo herkam, der keine Eltern und Geschwister hatte, keine Nation und kein Volk.“

Die beschwingten Passagen, in denen die kleinen Mädchen von großen Bühnen und Musicals träumen, stehen im Roman allerlei Schattenseiten der Realität gegenüber. Smith schafft es dabei wiederholt, Motive der Parallelität und des Kontrasts zu kreieren. „Als wir an der Straße waren, die unsere Wohnanlage von Traceys trennte, ließ meine Mutter Traceys Hand los und hielt uns einen ebenso knappen wie niederschmetternden Vortrag zur Geschichte rassistischer Schimpfwörter. Ich ließ den Kopf hängen und heulte mitten auf der Straße los. Tracey blieb ungerührt.“ Ist eine der beiden prekär in einem Pizzaladen beschäftigt, feiert die andere tatsächlich Erfolge als Tänzerin; wird eine von ihrer Arbeitgeberin, einer Sängerin, die beide als Kinder bewunderten, unterjocht, verliert die andere derweil schleichend ihre psychische Gesundheit. Statt sich gegenseitig zu unterstützen, wird stets der eigene Erfolg am Misserfolg der anderen gemessen. Letztendlich sind jedoch alle Figuren, die Eltern, die Vorbilder, die Kinder, beim Scheitern zu beobachten. Merkwürdigerweise liest sich das nicht lästig oder schmerzhaft, sondern unterhaltsam. Es beruhigt nahezu, dass nicht alle Geschichten ein fröhliches Ende nehmen müssen, und so tanzt man auch an Tod, Ungerechtigkeit und Armut einfach vorbei. Smith geht bei ihren Schilderungen nicht chronologisch vor, sondern lässt ihre Hauptfigur gedanklich auf ihrem Lebensweg immer wieder vor und zurück wandern. Was bleibt nun nach der Lektüre? Leider erstaulich wenig. Der Glanz des Romans liegt vorwiegend in seinem Erzählfluss, der es schwer gemacht hat, das Buch überhaupt mal beiseite zu legen – perfekt für ein paar Tage auf Balkonien.

 

Swing Time ist im August 2017 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen, umfasst 640 Seiten und ist für 24 Euro zu erstehen.

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2 Kommentare

    1. Oh, das freut mich sehr! Ich hoffe immer, nicht selbst die Tiefe zwischen den Zeilen überlesen zu haben. Aber ja, sie fehlte hier wirklich in Gänze. Eine schönes Urlaubsbuch aber bestimmt auch für deine Italienreise. 🙂

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