Intelligent aus der Form geraten mit Marc-Antoine Mathieus „Otto“

Die Zeiten, in denen zwischen wahrer Literatur, Comics und Graphic Novels, zwischen E- und U-Kultur, unterschieden wurde, sollten seit Leslie Fiedler, spätestens aber seit Marc-Antoine Mathieu lange hinter uns liegen. Mathieu liest oder sieht sich nicht einfach so weg, sondern muss in kleinen Häppchen eingenommen werden, die noch dazu weit länger nachwirken als nur 88 schwarz-weiße Seiten es vermuten lassen.

Marc-Antoine Mathieu
Schon das Cover von Mathieus Otto verrät den Hang zum Formenspiel. Kein Blatt bleibt durch die Augen des Zeichners nur Blatt, kein Baum Baum und der Mensch gewiss nicht Mensch.

Otto ist ein Performancekünstler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Im in sich verschlungenen, von Frank Gehry entworfenen Guggenheimmuseum von Bilbao inszeniert er eine raumgreifende Performance. Der Künstler reflektiert sich selbst in einem menschengroßen Spiegel inmitten von einer verstörten wie begeisterten Zuschauermasse. Otto offenbart sich dieser physisch nackt, öffnet dem Publikum aber auch sein Inneres. Abschließend zerbricht der Künstler den Spiegel und zerstört sich damit selbst. Leere bleibt zurück. Sie schmerzt. Der vormals stark und brachial wirkende Mann wird kleiner, immer kleiner, unwichtiger, nichtiger, verschwindet.

„Der zerbrochene Spiegel, den die Kunstwelt wohl als ‚Höhepunkt des Akts‘ feiern würde, war nur das Ende einer langen Sackgasse. Wie hatte er so lange davonlaufen können? War denn die Kunst nicht ein Werkzeug, um sich wiederzufinden? Oder zumindest, um sich selbst zu ertragen?“

Mit diesen wunderbar von Norma Cassau übersetzten und von Andreas Michalke geletterten Worten lässt sich nur ein kleiner Teil der emotionalen Dimension von Otto nachvollziehen, sodass sich sogleich zeigt, weshalb die Verbindung von Wort und Bild einer Graphic Novel einen Mehrwert bringt. Die minimalistisch düsteren Zeichnungen Mathieus ziehen Betrachtende von einem Moment auf den anderen hinein in die Psyche der Hauptfigur und in das Gefühl der Verzweiflung und inneren Leere.

Marc-Antoine Mathieu Otto

Geometrische Formen und die Variation von Größenverhältnissen haben dabei Vorrang vor Mimik oder konkreten Handlungen der Figuren bzw. Figur, denn wie so oft reduziert Mathieu auch hier den Anteil des Personals, sodass nur der Künstler Otto als bedeutungstragendes Individuum in Erscheinung tritt. Alle anderen sind anonyme Masse, die aus der Ferne betrachtet Formen bilden kann, aber nur ein stummer Gegenpart zu dem gebrochenen Künstler bleibt. Gedanklich, sprachlich und zeichnerisch spielt Mathieu mit Ebenen und fordert sein Publikum mit philosophischen Ansätzen rund um Erinnerung, Bewusstsein und die Existenz eines freien Willens; bildliche Zitate aus dem Surrealismus tauchen ebenso auf wie wissenschaftliche Referenzen.

Otto auf seiner Reise in die Leere seines Inneren hinein zu begleiten, regt an, sich auch als Lesender zu hinterfragen, an sich selbst einmal heranzuzoomen, um fortan keine Form, weder Quadrat noch Wesenszug, mehr als absolut zu empfinden. Mehr empfehlen kann ich eigentlich gar nichts.


Otto ist im Juli 2017 bei Reprodukt erschienen, umfasst 88 Seiten und ist für 20 Euro zu erstehen.

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