Sven Regeners „Wiener Straße“ oder wie Herr Lehmann und ich fortan getrennte Wege gehen

Oh du mächtiges Marketing. Ein ansehnliches Cover, ein Sprung auf die Buchpreislonglist und schon liegt Sven Regener auf meinem Couchtisch, dabei passt er so gar nicht zum restlichen Interieur. Ich hätte es besser wissen müssen, denn auch wenn ich als Teenie noch in Herr Lehmann und Neue Vahr-Süd aufgegangen bin, daraufhin Barkeeperin werden (check) und mit der Bundeswehr nichts am Hut haben wollte (check), verlangsamte sich als weniger junges Gemüse bei Der kleine Bruder schon der Leseflow und Karls Solonummer wurde nur mit Mühe bis zum Ende begleitet.

Sven Regener Wiener Straße
Manchmal ist es angenehmer, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Schön anzusehen ist Sven Regeners Wiener Straße aber schon.

Dennoch, 80er-Jahre, Berlin, alte Bekannte, klang gut, kam ich nicht dran vorbei. Da sind sie also wieder, Erwin, Karl, P. Immel, das Café Einfall, die ArschArt Galerie und natürlich Frank Lehmann. Sie dialogdümpeln vor sich hin wie eh und je, wie man es eben so hört an Bushaltestellen oder morgens in der Lieblingskneipe. Nebenbei wird eine Kettensäge gekauft, man muss umziehen oder renovieren, eigentlich ist die spärliche Handlung aber auch egal, leider. Im Vordergrund ist das Gerede, dessen regenerschen Ton man vermisst haben muss, um sich mit diesem Buch wohlzufühlen. Seitenweise Gefasel darüber, ob sich Frank Lehmann im Café Einfall selbst einen Kaffee eingießen darf oder nicht, ist für mich leider schwer zu ertragen. Mitzubekommen, wie ebenjener sich in Tresenpersonal verwandelt, gefällt mir wiederum ganz gut: „‚Drei Mark? Für Chateau Strunzinger? Warm? Ist das nicht ein bisschen viel?‘ ‚Nein‘, sagte Frank. ‚Finde ich aber doch.‘ ‚Ist mir egal. Drei Mark.‘“

Aus persönlichen Dramen und Innensichten hat Sven Regener in Wiener Straße herausgezoomt und sich stattdessen für sich immer weiter fortsetzendes Beriesellarifari entschieden. Es klappt einfach nicht (mehr), die Mundwinkel in Bewegung zu bringen, nur weil jemand H.R. Ledigt oder Kacki heißt oder immer mal einer zu viel säuft, auch eine Kunstausstellung rettet da wenig. „‚Na Schmidt‘, sagte Wiemer, ‚wie läuft‘s mit der Kunst?!‘ Dann lachte er freudlos. ‚Immer oben rein und unten raus‘, sagte Karl.“ So ist man zwar zurück im Lehmannkosmos, aber muss sich schon während der Lektüre von dem altbekannten Herren verabschieden. Nur eine Randfigur darf Frank sein, denn sein Inneres, das früher amüsante Gedanken preisgab, bleibt leider recht verschlossen. So muss auch ich abschließen, mit Sven Regener und all seinen Figuren, die mir vor vielen Jahren einmal lieb waren. Wer die 80er dem Heute vorzieht oder gern nostalgisch in der eigenen Jugend versinkt, möge diesen Roman bei sich einziehen lassen. Derweil wandert er bei mir ins obere Regalfach und darf dort bis zum nächsten Umzug in Frieden ruhen.



Wiener Straße ist im September 2017 bei Galiani erschienen, umfasst 304 Seiten und ist für 22 Euro zu erstehen.

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