Virginie Despentes meets Ulli Lust – von guten Menschen ohne Geld

Vielleicht liegt es daran, dass Das Leben des Vernon Subutex und Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein beide am gleichen Tag hier hineingeflattert sind, vielleicht an der Farbwahl der Cover, vielleicht an den Themen, denen sich Ulli Lusts Graphic Novel und Virginie Despentes Roman annähern, aber seit sie nebeneinander im Regal stehen, denke ich, dass die beiden Bücher einander verdienen. Willkommen also in einer Crossover-Rezension über Sex, Leben ohne Geld, scheitern und davon, dennoch gut zu sein.

Vernon Subutex Virginie Despentes Ulli Lust Wie ich versuchte ein guter Mensch zu sein
Zwei Mal bunt, prekär und drastisch machten doppelt müde. Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein und Das Leben des Vernon Subutex bieten primär Unterhaltung für nebenbei.

Vernon Subutex fliegt aus seiner Wohnung. Eigentlich ist das auch nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein, peinlich, aber nicht allzu wichtig, denn seinen geliebten Plattenladen hat er schon lange verloren, die große Liebe zu spät erkannt und die Freunde, die noch am Leben sind, will man wahrscheinlich eher ungern um sich haben. So richtig gut läuft Vernons Leben nicht, dabei ist er eigentlich ein ganz okayer Typ, ein bisschen nett, melancholisch und ein Fünkchen durchtrieben. Virginie Despentes Roman zeigt nicht nur Vernons Kampf mit der Enttäuschung über das eigene Dasein, sondern auch die seines Umfelds und seiner Facebookfreunde, die ihm nach und nach unter Vorgaukelung falscher Tatsachen Asyl gewähren bzw. Sex als Gegenleistung für ein Dach über dem Kopf erwarten. Ein gerader Haussegen findet sich dabei weder in der Schickimickiwohnung noch zwischen vergilbten Bandpostern. Und wenn dann mal jemand beruflichen Erfolg vorweisen kann oder nicht noch an den alten Zeiten klebt, schildert Despentes dies gewiss nicht als etwas Positives: „Die Wände sind weiß gestrichen. Wie bei allen Erwachsenen in ihrer Umgebung. Sie ist die geworden, die sie nach Wunsch ihrer Eltern werden sollte.“ Die nun bürgerliche Emilie, bei der Vernon kurzfristig die fleckenfreie Couch belegen darf, bekommt einen Putzfimmel angehängt und fühlt sich bedingt durch ihre Körperfülle oftmals unsichtbar. Ob diese Aneinanderreihung unglücklicher Gestalten sich nach einer Zeit abnutzt, stets schockiert oder unterhält, bleibt dem Lesenden überlassen. Abgründe gibt es genug – noch zwei Fortsetzungen werden bald ins Deutsche übersetzt sein.

Ulli Lusts autobiografische Graphic Novel ist hingegen bereits eine Fortsetzung. Der erste Teil erschien im Jahr 2009 und haute mich um. Ohne Lust hätte ich den Weg zu derartigen Text-Bild-Kombinationen bis heute nicht gefunden. Sie schildert in „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“ eine Italienreise, die sie als pubertierende Punkerin unternimmt. Beeindruckt hat mich besonders, wie teilweise die geletterten Worte und die Zeichnungen völlig unterschiedliche Dinge schildern. Bereits ein Panel, ein Einzelbild, konnte so mehrere Ebenen zeigen und die Gedanken in Text- oder Bildrichtung und sogar in ein Dazwischen lenken. Nun, leider habe ich dieses Mehr im zweiten Teil nicht entdecken können. Die Bilder zeigen den Alltag einer jungen Frau, nicht mehr, nicht weniger. Die jetzt halbwegs erwachsene Hauptfigur Ulli lebt inzwischen in Wien, zeichnet, versucht erfolglos, es an die Kunsthochschule zu schaffen, hat Geldprobleme und gerät in eine anfangs Freiheit versprechende, später klaustrophobisch wirkende Beziehungskonstellation. Ihr Sohn, den sie als Teenie bekommen hat, lebt derweil bei ihren Eltern auf dem Land, was sie in einen stetigen Rechtfertigungszwang bezüglich ihrer Lebensführung bringt. Ebenso kompliziert für das Gewissen ist, dass Ullis Liebhaber die Abschiebung droht, er aber zeitgleich immer öfter Gewalt gegen sie anwendet. Wie nun also ihn, aber auch sich selbst schützen? Die Zeichnungen selbst sind an sich ansehnlich, aber inhaltlich muss man auch mal durch seitenweise Penisse hindurch. Vielleicht ist das ja progressiv.

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Wer Lust hat, Figuren bei ihrem Leben fernab der gesellschaftlichen Norm (gibt es die überhaupt noch?) zuzusehen, ohne allzu viel Entwicklung zu erwarten oder einfach ein wenig Ablenkung vom eigenen Alltag sucht, dem seien diese beiden Neuerscheinungen empfohlen. Bei mir hat sich jedoch eine Ratlosigkeit eingestellt, was ich mit dem Gelesenen nach Zuklappen der Buchdeckel anfangen soll. Im Fall von Ulli Lust kommt der Stoff aus dem eigenen Leben, sodass es mir zumindest logisch erscheint, auf zu große Spannungsbögen zu verzichten und halbwegs Authentisches zu Papier zu bringen. Die Thematisierung der häuslichen Gewalt hat noch dazu manchmal meinen Atem stocken lassen. Zeichnen kann Lust sowieso, egal ob Zimmerpflanze, Penis oder Katze. Virginie Despentes Vernon Subutex hat mir hingegen mit jeder Seite mehr Grübelfalten auf die Stirn gezaubert. Ist das drastisch? Schockiert es noch immer, dass nicht jedes Leben geradlinig und hundertprozentig erfolgreich verläuft? Erklärende Worte sind willkommen.


Das Leben des Vernon Subutex ist im August 2017 erstmals auf Deutsch erschienen. Verlegt wurde es bei Kiepenheuer & Witsch, umfasst 400 Seiten und ist für 22 Euro zu erstehen.

Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein ist im September 2017 bei Suhrkamp erschienen, umfasst 367 Seiten und ist für 25 Euro zu erstehen.

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